Gezeichnete Haut

Verewigung. Auf der Haut.

Welches Bild?

Mein Professor sagte,

die einzigen, die Tätowierungen hatten,

waren Sträflinge und Seefahrer.

Ich verdiente zwar Strafe,

zur See wollte ich freilich nicht.

Ich wollte nur dazugehören.

Heute ist es Mode.

Nackte Arme, nackte Schultern,

volle nackte Oberschenkel, nackte Bäuche,

manchmal sogar nackte Rücken.

Voll mir grundlosen Bildern der Gegenwart.

Sieh an, sieh an, sieh mich an.

Sieh mich endlich an.

Ich fand nichts würdig der

Verewigung.

Meine Haut blieb ungestochen.

Außer von Mücken.

Meine Mutter sagte, ich hätte

süßes Blut.

Auf dem Land gibt's viele Mücken.

Nächtlicher Summalarm.

Versuche des heimlichen

Nadelbombardements.

Der Schlaf wurde kurz, die Nacht zur Jagt.

Kleine Blutflecken an den Wänden.

So viele Morde.

Dann gab der Stuhl nach, rechte Radiusfraktur.

Besiegt von einer Mücke, stand sogar

im Unfallbericht.

Es gab kein Entkommen.

Der Juckreiz war Folter.

Ein Mücken-Umerziehungslager.

Ich Opfer.

Meine Oma sagte, Spucke auf die Beulen.

Das reichte nicht.

Härtes war von Nöten.

Die Haut aufkratzen, Essigessenz in die Wunde.

Zähne zusammenbeißen, du Asket.

Das Jucken hatte ein Ende.

Doch Beine und Hände vernarbt.

Nicht schön, sagte eine Frau.

Aber wir sind hier nicht beim

Schöneheitswettbewerb.

Narben wie bei Soldaten,

Zeichen wie Tätowierungen.

Endlich.

Dank der Mückenkammeraden,

die sich so tapfer opferten,

ihr Dienst verkannt, nie gebührend

geschätzt/gewürdigt.

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